Ramzy Bédia in "Je suis à vous tout de suite"; Quelle: cKare Productions

Ramzy, erklär‘ mir den französischen Humor, bitte!

Als ich gestern im Rahmen der 15. Französischen Filmwoche den Film „Je suis à vous tout suite“ (deutsch: Mademoiselle Hanna und die Kunst Nein zu sagen; Regie: Philipp Garell) gesehen habe, war ich schockiert: Das ist der Humor des vielgelobten französischen Kinos? Zum Glück halfen mir meine französischen Blogger-Kolleginnen Lisa und Pauline, sowie der Comedian Ramzy Bédia dabei, den französischen Witz doch noch zu verstehen. Wenn ihr diesbezüglich auch etwas skeptisch seid, immer hier entlang!

Als ich gestern im Cinéma Paris in Berlin saß, hatte ich eigentlich eine Komödie erwartet. „Rasante, sensible wie auch komische Studie“, so wird der Film im Programm der 15. Französischen Filmwoche Berlin beschrieben, der „provokant-satirische Blick, der auch ernste Themen mit viel Ironie und Humor behandelt“ wird dort gelobt. Ähm ja.

Zugegeben, es werden ernsthafte Themen angesprochen – und zwar viele. Für manche Kritiker sogar zu viele, wie Drehbuchautorin Baya Kasmi im Gespräch im Anschluss an die Vorführung verriet. Die Kritik ist nachvollziehbar, denn Migration und Integration, familiäre Konflikte, Prostitution, Pädophilie, Organtransplantation, Selbstbestimmung der Frau, französische Intergrationspolitik, um nur einige Themen des Films zu nennen, sind vielleicht ein, zwei, drei, vier Knallerkonflikte zu viel, um ein wirklich rundes Kinoerlebnis zu liefern. Um alles unterzubringen, blieb Kasmi nämlich nichts anderes übrig, als jedes Thema lediglich anzuschneiden. Das macht den Film an vielen Stellen oberflächlich und rutscht leider manchmal ab ins Klischee.

Genau das ist auch mein humoristisches Problem, analysiere ich nach der Vorstellung und frage meine Blogger-Kolleginnen erschrocken: „Ist das französischer Humor? Das flache Spielen mit den Klischees?“ Jap, sagen sie. „Gemein und ein bisschen blöde“, käme französischer Humor deswegen daher, erklärt mir Pauline. „Ich finde das aber ganz und gar nicht flach“, ergänzen Lisa und Pauline, denn es sei ein gelungenes Mittel, um Probleme der Gesellschaft durch den Moment des Witzes aufzuzeigen und anzuprangern. Aha, das ist doch schon einmal eine Spur!

Ramzy Bédier in "Je suis à vous tout de suite"; Quelle: cKare Productions

Ramzy Bédier in „Je suis à vous tout de suite“; Quelle: cKare Productions

Den nächsten Morgen treffen wir eine Legende der französischen Komödie zum Gespräch: Ramzy Bédia, der in „Je suis à vous tout de suite“ den Vater der weiblichen Hauptrolle Hanna spielt. Im Film, wie im wahren Leben, ein sympathischer Typ. Selbst ich finde ihn lustig. Jetzt, da ich quasi der Quelle der französischen Komik gegenübersitze, frage ich: „Monsieur Bédia, erklären Sie mir bitte mal den französischen Humor!“ Seine erste Reaktion: „Also, das kann ja so generell gar nicht sagen! Es gibt nicht nur die eine Comédie…“ Aber dann, und da wird es jetzt für Unwissende wie mich interessant, wird er doch noch konkreter. Seiner Meinung nach, muss eine Komödie echte Gags haben und albern sein, damit sie auch mal von der Norm abweicht. „Die Comédie sentimentale mag ich nicht!“ Warum er etwas gegen diesen vermeindlich feinen Humor hat, verrät er uns: Es ist zu anschmeichelnd. „Echte Comédie riskiert etwas!“, sagt er. „Auch, dass manche Zuschauer es nicht mögen oder ihnen etwas sauer aufstößt.“ Und das ist vielleicht etwas, was die großen französischen Satiriker ausmacht, aber es für Außenstehende eventuell manchmal weniger feinsinnig erscheinen lasse. Man müsse, wenn man über den Humor im französischen Film spricht, auch immer unterscheiden zwischen ‚Comédie‘ und ‚film comique‘. Ersterer will durch einen Lacher nach dem anderen aufrütteln, wie mir es auch Pauline und Lisa nach „Je suis à vous tout de suite“ erklärt haben, letztere kann auch weniger zotig sein.

Dafür, dass Ramzy am Anfang meinte, er könne über den französischen Humor generell gar nichts sagen, hat er ihn mir doch sehr viel näher gebracht. Der film comique lässt sich wohl am ehesten mit der Hofnarrenfunktion eines Clowns erklären. Die Kritik wird noch deutlicher gemacht, übertrieben, um das Kritisierte ins Lächerliche zu ziehen. Das ist also französischer Humor: Das Negative erst mächtig aufblasen, damit man es sieht und dann gemeinsam darüber lachen. Gut, das leuchtet mir ein, das verstehe ich. Ob ich bei der nächsten französischen Komödie mitlachen kann, wird sich dann zeigen.

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