Quelle: DHR

Patria Obscura – Licht ins Dunkel

 

Wenn wir in unser Leben treten haben vergangene Generationen bereits vieles erlebt, das nur noch durch Fotos und Erzählungen an uns herangetragen werden kann. Es ist nichts anderes als diese Art von Film, welche Stéphane Ragot gewählt hat, um die Geschichte seiner Familie zu erzählen.

Diese unbeleuchtete Heimat, oder auch Patria Obscura, ist nicht einfach zu durchdringen. Sie ist wie eine schwarze Kiste, in der nur einige Stellen durch ein kleines Loch beleuchtet werden, wie bei einer Camera Obscura, der Lochkamera, die am Anfang aller Fotografie stand.
Der Regisseur des Films, Stéphane Ragot, „Belichtet“ in seinem Film den dunklen Fleck seiner Familiengeschichte: Die Leerstelle im Familienstammbaum, die sein unbekannter Großvater hinterlassen hat. Für seine Spurensuche nutzt er eine ungewohnte Art von Arrangement und bringt sich selbst als Fotograf in den Film ein. Von dem Herrichten einer Szene, das Auslösen des Apparates über das Entwickeln bis hin zum fertigen Foto – alle Elemente der Herstellung einer Fotografie sind enthalten und als Film verpackt.

Gerade wegen dieses Bruchs mit der traditionellen Kinoanordnung, indem das Suchende sich herantasten an das Sujet selbst zum Gegenstand des Films wird, hat der französische Filmkritiker Jean-Michel Frodon für seine Carte blanche „Patria Obscura“ für die französische Filmwoche gewählt und damit seinerseits eine dunkle Stelle der nationalen Filmproduktion beleuchtet: Das französische Kino bietet eine Vielzahl von Produktionen, die dem breiten Publikum nicht bekannt sind.

Fotos über Fotos. Vergangenheit oder Jetzt? Oftmals verschwimmen diese doch so unterschiedliche aber voneinander abhängigen Zeiten im Film miteinander. So sieht man in einer Szene das Auslösen der Kamera und das fertige Foto. Ist das Foto gerade geschossen worden? Oder wurde es nachgestellt? Über das Medium werden die verschiedenen Zeitebenen zum verschwimmen gebracht. Und darum genau geht es Stéphane Ragot: Die Gegenwart kann nur in Kenntnis der Vergangenheit verstanden werden. Die Vergangenheit jedoch liefert keine klaren Antworten. Fragen also ohne Antworten, die eine ganze Kette der Reflexionen in Gang setzt.

Von dem gesuchten Großvater ist nichts bekannt, nur einige Unterlagen und Fotos aus dem 2. Weltkrieg sind Stéphane Ragot geblieben. Er sucht die Vergangenheit ab und gelangt immer weiter in die Gegenwart. Dieser Wechsel ist auch stark durch die Darstellungsweise unterstützt. Zunächst nur Fotografie, wie es auch zu früheren Zeiten üblicher war, gegen Ende mehr lebendige Filmografie.
Mit ruhiger Stimme spricht er währenddessen von seiner Spurensuche, von seinen Umwegen, Zweifeln und Fragen, die sich erst gegen Ende direkt mit dem Bild des Großvaters verbinden.

Der Regisseur behandelt in seinem Film eine sehr persönliche Geschichte. Es ist die Leerstelle, die der erste Weltkrieg in vielen Familien gelassen hat, symbolisiert im Grab des unbekannten Soldaten. Roget gelangt hier zu einer größeren Allgemeingültigkeit: Seine Suche ist übertragbar. Es ist unglaublich, was der Weltkrieg für Folgen mit sich gezogen hat. Herkunftslosigkeit und Weltkriegsfeschen führen Stéphane Ragot zur Identität ganz allgemein, und zur nationalen Identität im Besonderen.Dies öffnet ihm den essayistischen Weg zu den sogenannten „sans papiers“, Menschen ohne gültige Einwanderungspapiere.

Hier wird der 2013 entstandene Film hochaktuell und gegenwärtig. Gerade dieser Tage gibt es viele Menschen, die aus ihrem Land geflohen sind, und die sich jetzt „sans papiers“ in einem fremden Land wiederfinden. Der dunkle Fleck der Herkunft ist eine Fortsetzungsgeschichte.

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