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Merci Patron !, ein Film mit großen (Er)Folgen

François Ruffin hat einen Nerv getroffen. Mit Merci Patron ! zeichnet der Regisseur ein Portrait des heutigen Frankreichs, das zugleich eine enorme Welle des Protests und der Hoffnung im Land auslöste. Der Erfolg des Films dauert an.     

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Es ist der 9. April 2016, am Pariser Place de la République scharen sich zehntausende Menschen, um ihn zu sehen und zu hören. François Ruffin, der Regisseur von Merci Patron !, ergreift das Wort bei einer Versammlung von Nuit debout, der Protestbewegung gegen die Arbeitsmarktreform, die zwei Wochen zuvor gegründet wurde und die nicht zuletzt dank Ruffins Film entstehen konnte.

 

Merci Patron ! ist die Geschichte von Jocelyne und Serge Klur aus Nordfrankreich, die beide wegen einer Standortverlagerung ihrer Fabrik seit vier Jahren arbeitslos sind. Sie leben mit weniger als 400 Euro pro Monat, an manchen Tagen müssen sie aufs Essen verzichten und die Heizung haben sie schon längst abgeschaltet – kurz, sie leben in der Misere. Eines Tages erreicht sie eine Nachricht, die sie ans Ende ihrer Verzweiflung bringt: sie sollen Schulden in Höhe von 25.000 Euro zurückzahlen, oder ihr Haus wird gepfändet. „Mein Haus werden sie nicht auch noch bekommen“ empört sich Serge, der kurz davor ist, seine Bleibe abzubrennen.

Am Tiefpunkt angekommen, sehen Jocelyne und Serge keinen Ausweg mehr. Doch dann klopft François Ruffin an ihrer Tür. Der Chefredakteur der kritischen Zeitung Fakir will den Klurs helfen und Bernard Arnault, den Geschäftsführer von LVMH, direkt mit dem Schicksal des verschuldeten Paares konfrontieren. Zusammen mit François Ruffin adressieren Jocelyne und Serge einen Brief an Bernard Arnaut, in dem sie von ihm eine Entschädigung von 45.000 EUR und eine feste Arbeitsstelle verlangen, um die Schließung ihrer Fabrik zu kompensieren. Falls er ihre Forderung ignoriert, drohen sie mit ihrer Geschichte zur Presse zu gehen. „Nicht etwa zu Le Monde oder Ähnlichem“ drohen sie, „sondern zu Fakir.“ Zur großen Verwunderung der Zuschauer und der Betroffenen selbst antwortet der „mächtige“ und reichste Geschäftsführer Frankreichs auf diesen Drohbrief. Er fürchtet das Mobilisierungspotenzial von Fakir und ist deshalb bereit, eine Entschädigung an die Klurs zu zahlen. Er möchte hierzu via eines Mittelsmanns verhandeln und kündigt an, dass dieser schon bald zu ihnen kommen wird. „Unglaublich“ kommentiert Jocelyne verwundert diese Neuigkeit. Von jetzt an sind die Verhältnisse umgekehrt: der Kleine bedroht den Großen, der Arme hält den Reichen in Schach – es ist eine Art „umgekehrter Klassenkampf“.

 

Um diese neue Position der Klurs nicht zu verspielen, besprechen sie und François Ruffin ganz genau, wie sie sich während der Verhandlung verhalten sollen. Ruffin selbst wird, als Sohn der Klurs verkleidet, an den Verhandlungen teilnehmen und diese mit einer versteckten Kamera filmen. Nach der ersten Hälfte des Films, die den Zuschauer durch das Schicksal der Klurs berührt, beginnt nun ein Filmabschnitt, der durch den Witz gekennzeichnet ist. François Ruffins leicht sarkastischer Humor ist erfrischend. Einerseits ermöglicht er den Klurs sich von ihrer Anspannung zu befreien, andererseits wird der Zuschauer so in das Geschehen ganz eingebunden. Gebannt fiebert man mit Jocelyne und Serge mit und hofft, dass sie mithilfe Ruffins ihre Entschädigung und eine Arbeitsstelle aushandeln werden können.

Der Film Merci Patron ! zeigt eine Seite Frankreichs, die sonst nur in Zahlen dargestellt wird. Er zeichnet ein rührendes Bild von Mitbürgern, denen üblicherweise Faulheit und Schmarotzertum vorgeworfen wird. Er gibt denen ohne Stimme ein Sprachrohr, um die wirkliche Seite der sozialen Krise darzustellen.

François Ruffin beweist mit Merci Patron !, dass soziale Ungleichheit keine obsolete Konzeption ist und dass Begriffe wie „Klassenkampf“ heute durchaus noch Sinn machen.

Der Film ist auch ein Hoffnungsschimmer, der viele Tausende Franzosen mit der Protestbewegung Nuit debout auf der Straße versammelte und immer noch versammelt. François Ruffin legt an den Tag, dass soziale Ungleichheiten erfolgreich bekämpft werden können und die „von oben“ die „von unten“ befürchten.

 
Raphaël Schmeller

 

 

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