L'ombre des femmes 4- c_ SBS Distribution

„L’Ombre des Femmes“ – Kitsch in Brassaï-Optik?

Wenn man die Schlagworte französischer Schwarz-Weiß-Film, der die Geschichte eines Ehepaars auf der Suche nach Liebe und Liebhabern hört, dann denkt man unweigerlich an die alten Klassiker der Nouvelle Vague wie beispielsweise François Truffauts „Jules et Jim“ (1962). Man erwartet Filmkunst der alten Schule. Insbesondere, wenn der Film, der bei der diesjährigen französischen Filmwoche in Berlin auch noch entgegen aktueller Digitalisierungstrends auf Film gedreht wurde und von Regisseur Philippe Garrel stammt. Der lieferte in den letzten Jahren mit „La Jalousie“ (2013) und „Les amants réguliers/Die Unruhestifter“ (2004) gleich zwei Filme, die von Kritikern hoch gelobt wurden. Kurz: Die Erwartungen an Garrels neuesten Film „L’Ombre Des Femmes/Im Schatten der Frauen“ (2015) waren größer als eine XXL-Packung Popcorn im Cinestar eurer Stadt.

Da ist es natürlich klar, dass der Film letztendlich eine kleine Enttäuschung war. Aber warum eigentlich? Die Geschichte ist schnell erzählt: Pierre (Stanislas Merhar) und Manon (Clotilde Courau) sind bereits seit langem ein Paar, leben in einfachen Verhältnissen in Paris und versuchen sich im Filmen von Dokumentationen. Eines Tages trifft Pierre auf Elisabeth, beginnt mit ihr eine Affäre. Nach einiger Zeit bemerkt Elisabeth, dass auch Manon einen Liebhaber hat und dann beginnt ein nervenzerrendes Hin-und-Her zwischen Eifersucht, Liebe und den Vorstellungen einer modernen Beziehung. Kurz: Französische Liebesklischees von wechselnden Partnern, Herzschmerz und komplizierten Dreiecksbeziehungen nochmal neu aufgewärmt. Oder?

 

Nunja, ganz so einfach ist es nicht. Denn der Film hat durchaus seine ästhetischen Qualitäten, da gibt es nix zu meckern. Das Schwarz-Weiß des Films und die Bilder, die beinahe einem Brassaï-Band entnommen scheinen, bilden einen angenehmen Kontrast zu der modernen Story von künstlerischem Prekariat und dem Wunsch nach Erfüllung erotischer Sehnsucht, die Leistung der Schauspieler, allen voran natürlich die der beiden Protagonisten Stanislas Merhar und Clotilde Courau, ist für den gesteckten Rahmen eindrucksvoll intensiv. Zudem wird uns das Geschehen zusätzlich mithilfe einer Off-Stimme nähergebracht (Fun-Fact: Es spricht Louis Garrel, Philippe Garrels Sohn), die das Gesehene erklärt und dem Zuschauer die Einordnung erleichtert. Das, was mich stört, ist auch nicht die Ästhetik des Films, im Gegenteil, die finde ich sogar ausgezeichnet. Es ist etwas, was manche sicherlich als eine besondere Qualität Garrels bezeichnen würden: Die Übertreibung. Der Kitsch. Dieses fast schon pathetisch Emotionale.

Jetzt kann man ja sagen, dass das eben einfach sein ‚Style‘ ist: Er übertreibt das Emotionale, damit die Klischees hervortreten und aufgezeigt werden können. Abgesehen davon, dass das Mittel der Übertreibung nur sehr schwer feinfühlig dargestellt werden kann, stellt sich aber auch die Frage, was das bringen soll. Zurschaustellung von Klischees ist ja das eine. Man demaskiert sie und verdeutlicht sie – Voilà, Ebene 1. Schritt 2 wäre dann, meiner Meinung nach, eine Interpretation der Klischees, damit das Ganze eine tiefere Inhaltsebene erreicht. Voilà, Ebene 2 fehlt bei „L’Ombre Des Femmes“. Denn auch wenn der Off-Kommentar als Stimme des Gewissens eine Interpretationshilfe geben könnte, hat diese, meiner Meinung, eher den Effekt, dass dem Zuschauer eine einseitige Interpretation des Geschehens vorgekaut wird. Die dürfte Feministinnen zwar gefallen, denn in erster Linie äußert sich die männliche Off-Stimme interessanterweise spöttelnd zu Pierre, aber sie lässt eben auch andere Aspekte der Betrachtung in den Hintergrund rücken.

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Pierre bleibt somit leider auch eine relativ flache Figur. Ein Exempel eines Fremdgängers, dessen Beweggründe als „er kam eben körperlich einfach nicht von Elisabeth los“ beschrieben werden. Die Tatsache, dass Manon ebenso fremdgeht und sich sexuell emanzipiert, reicht da als Gegengewicht leider kaum aus, denn im Gegensatz zu ihrem Göttergatten gelingt es ihr ja direkt, nachdem sie bei ihrer Affäre enttarnt wird, sich loszureißen. Schlecht war der Film trotzdem nicht. Damit würde man Garrel unrecht tun und vergäße, dass diese offenlegende Ästhetik durchaus seinen Reiz haben kann. Eine Filmlänge lang kann man so nämlich in eine Pariser Kunstwelt ‚au max‘ eintauchen. Kleiner Tipp: Realismusanspruch und Erinnerungen an Truffaut zuhause lassen!

Wenn ihr wissen wollt, warum meine französische Blogger-Kollegin Pauline „L’Ombre Des Femmes“ mit „le French touch“ beschrieben hat, einfach hier entlang!

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