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Ich wünsche dir ein schönes Leben – ein intimes Familienportrait

Ounie Lecomtes Film erzählt die Geschichte einer adoptierten Frau, die ihre Mutter sucht mit sehr viel Nähe zu ihren Figuren.

Die Hände einer jungen Physiotherapeutin massieren langsam den Rücken einer Frau. Ihr Rücken ist nackt, jeder Leberfleck sichtbar, die Einstellungen lang.

Diese Szene ist nur eine von vielen sehr intimen. Oft sieht man Elisa bei der Arbeit, wie sie langsam die Beine von Patienten bewegt, sie massiert. Sie tragen nicht mehr als Unterwäsche, viel nackte Haut ist zu sehen und das nicht nur, wenn Elisa arbeitet. Der Film zeigt nackte Menschen beim Duschen, beim Schlafen, beim Baden, doch jedes Mal wirkt die Nacktheit nicht gewollt erotisch, sondern ganz natürlich.

Nicht nur die Körper der Figuren in diesem Film werden sehr genau gezeigt, sondern auch ihre Seelen. Es gelingt dem Zuschauer im Laufe des Film immer besser, sich in die Personen hinein zu versetzten. Selbst wenn die Figuren aneinander geraten, erscheine beide Seiten nachvollziehbar. Nach und nach wird verständlich, warum Elisas Mutter sie zur Adoption freigegeben hat. Dem Film gelingt es dieses schwierige Thema dem Zuschauer nahe zu bringen.

Szenen, in denen die Figuren erfahren, wer ihre Tochter, Mutter, Großmutter ist, gibt es nicht. Das Weglassen eigentlicher Schlüsselszenen erzeugt Leerstellen. Zwar wirken die Auslassungen beabsichtigt, dennoch passen sie nicht in den Film. Besonders weil viele der anderen Szenen alltägliche Momente zeigen, mit langen Einstellungen. Ounie Lecomte gibt ihrem Film Zeit sich zu entwickeln, dabei wirkt er jedoch nicht langatmig.

Die Identitätssuche der Protagonisten steht im Mittelpunkt: Elisa sucht ihre leibliche Mutter und fragt sich ob sie und ihr Mann noch zusammen passen. Ihr Sohn Noé fühlt sich in seiner neuen Schule ausgegrenzt, findet aber schließlich seinen Platz in einer Gruppe von Mitschülern. Annette, die Noé in der Schule kennen lernt, setzt sich damit auseinander, ob die Tochter, die sie vor über 30 Jahren zur Adoption freigegeben hat nicht ein Teil von ihr ist und sie sie deshalb kennen lernen sollte.

Dass Annette Elisas Mutter ist, kann der Zuschauer sehr früh erahnen. Er ist den Figuren immer einen Schritt voraus. In Ich wünsche dir ein schönes Leben fragt man sich also nicht, wer Elisas Mutter ist, sondern ob die beiden herausfinden werden, dass sie so eng miteinander verwandt sind, denn Anette ist bei ihrer Tochter in orthopädischer Behandlung. Der enge Körperkontakt ist ein Sinnbild für die Verbundenheit der Frauen, von der sie jedoch noch nichts ahnen. Die physische Nähe erweckt die Hoffnung, dass eine seelische daraus entstehen kann.

Ich wünsche dir ein schönes Leben ist ein intimer, alltäglicher Film, der die Suche nach der familiären Identität ins Zentrum der Handlung rückt.

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