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1789 à la Brecht: Kein Brot, dafür Spiele

Foto: Martine Franck

Gespannte Stille. Der erst gerade digital restaurierte 16mm-Film beginnt. Ein Tisch, dahinter ein Mann, seine Augen sind von roten Ovalen umrundet, deren schwarze Rahmen er sorgfältig mit Schminke nachzieht. Schnitt. Vor der Tür des alten Gebäudes der Cartoucherie de Vincennes hängt der Name der Vorstellung: 1789. Sommerlich gekleidete Menschen stehen davor, grillen, fahren ihre Babys in Kinderwägen über den Asphalt. Cut.

Wäre es da nicht einfacher, die Regierung löste das Volk auf und wählte ein anderes?” – Bertold Brecht

Dieser Ausschnitt aus Bertold Brechts Gedicht “Die Lösung” unterstreicht das Spannungsfeld zwischen der Macht und dem Volk, das auch in Ariane Mnouchkines Film “1789” den Leitfaden vorgibt. Ende August 1970 spielt Le Théâtre du Soleil, die Schauspieler-Compagnie von Ariane Mnouchkine, die zentralen Ereignisse des Revolutionsjahres 1789 in der Cartoucherie de Vincennes nach. Der 1974 entstandene Film ist eine Aufnahme der Inszenierung, man sieht die Schauspieler in der Maske, das Stück beginnnt mit einer konventionellen Darstellung der Flucht des Königs. Danach: Cut. Die Leinwand ist rot. Eine Stimme aus dem Off, die erklärt, dass man die Geschichte auf diese konservative Art und Weise hätte erzählen können, dies aber nicht zu tun gedenke.

Danach beginnt für den Zuschauer eine Inszenierung, die in der Tradition des Brecht’schen Theaters steht: Überall gibt es Stilbrüche, die Ständeversammlung wird als überzogenes Puppentheater präsentiert, die Untermalung des Stückes durch klassische Musik wird hier und da durch A-Cappella-Gesang, laute Trommelwirbel oder Jahrmarktmusik unterbrochen. Auch die drei Huren und ihr transvestitisch anmutender “Magier” Cagliostro, die sich gegen das aufbegehrende Volk verschwören, wirken wie die drei Hexen und Hekate aus Shakespears Macbeth, die von Mnouchkine transmedial in den Kontext der Französischen Revolution versetzt wurden. Die allbekannten historischen Ereignisse des Jahres 1789 werden durch bunte Kostüme und ins Bizarre verzerrte historische Persönlichkeiten verfremdet, so zum Beispiel durch Marie Antoinette als Marionette mit einem enormen Turm an toupierten, bläulichen Haaren.

Auch die zunehmende Nähe zwischen Akteuren und Publikum, die Brecht im Rahmen des Epischen Theaters etablierte, tritt in “1789” deutlich hervor: Nicht nur werden die Schauspieler hinter der Bühne gezeigt, wie sie sich zu Beginn des Stückes sorgfältig schminken, sondern auch, wie sie sich zwischen den Szenen in aller Eile umziehen, um sofort wieder in eine neue Rolle zu schlüpfen. Auch in ihren Rollen brechen sie die altgewohnten Barrieren zwischen ihnen und dem Publikum: Die herrschende Klasse gibt rüde Anweisungen, doch bitte Platz zu machen und defiliert an Kindern und Erwachsenen vorbei. Kurz vor der Darstellung des Sturms auf die Bastille verteilen sich die als Bürger auftretenden Schauspieler auf den Saal und erklären den sie umgebenden Zuschauern die Zuspitzung der Situation nach der Belagerung der Stadt. All das und die darauf folgende Ausgelassenheit, in der die Schauspieler als Gaukler auftreten und dem Publikum Bonbons zuwerfen, erlaubt eine Annäherung der Stimmung im Revolutionsjahr an die Zuschauer von 1970 – und ist auch vor der Kinoleinwand noch deutlich spürbar.

“Das moderne Theater muss nicht danach beurteilt werden, wieweit es die Gewohnheiten des Publikums befriedigt, sondern danach, wieweit es sie verändert”, so Brecht. Ariane Mnouchkine gelingt es heute wie damals, dieser Forderung nachzukommen – und sie stellt sich damit durchaus der Gewohnheit des postpostmodernen Publikums entgegen, nicht mehr als 90 Minuten im Kino zu sitzen, während durchgehend Actionssequenzen über die Leinwand flitzen.

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